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  • Raymond Zhang

Ein Blog und seine Motivation, oder: Wie schauen wir uns Filme an?

Aktualisiert: Sept 15

Letztens im Café überhörte ich ein Gespräch über Once Upon a Time... in Hollywood. Beide schienen den Film nicht besonders gemocht zu haben, allein die Gewaltexplosion am Ende war echt krass. Da ist ja endlich mal was passiert und irgendwie ist es schon cool, wie Brad Pitt - ist ja egal, wie seine Rolle heißt - so gelassen den dreien da die Köpfe einschlägt (eigentlich ja einschlägt, eintritt und mit einer Dose einwirft). Überhaupt ist er wohl der coolste Typ aller Zeiten. Geil. Geil war übrigens auch dieses Mädchen, das mit Brad Pitt flirtet und ihn auf diese Ranch bringt. Und Margot Robbie ist eigentlich auch geil, aber irgendwie hat sie im Film nichts gemacht, außer da zu sein. Aber im Film ist ja auch nichts passiert, außer am Ende. Oder? Joa.


Joa. Ziemlich frustrierend. Das Gespräch meine ich. Noch frustrierender: Es unterhielten sich zwei Männer und das sehr laut, sehr selbstsicher. Eigentlich ist diese Info egal, doch es war so ein Klischee. Vielleicht urteile ich in diesem Fall zu schnell, aber in meinem Kopf lief die Filmerfahrung ungefähr so ab: neuer Film von Tarantino; Pitt, DiCaprio und Robbie auf dem Filmplakat; ab ins UCI, dazu Bier und Nachos - also schon mit Jalapeños; Trailer? Noch schnell ein Bier und ein Eis; Film läuft, aber Handy auch; Film vorbei, mh, war nicht wie erwartet. Was für die zwei keine Rolle gespielt hat: Tarantinos Bestreben, einen Liebesbrief an vergangene Hollywoodtage zu verfassen vor dem Hintergrund Sharon Tates tragischer Ermordung durch Mitglieder der Manson Familie, aber auch die nicht problemfreie, da stereotypische Darstellung von Frauen und Männern. Was ihnen anscheinend wichtig war und hängen geblieben ist: siehe erster Absatz.


Geärgert habe ich mich schon sehr. Nicht nur darüber, dass wichtige Aspekte des Films verkannt wurden, sondern auch über die Art und Weise, wie über den Film gesprochen wurde. Das war ja förmlich ein "echtes Männergespräch", welches zum einen deutlich machte, dass Filmrezeption eine Kompetenz ist, die geübt werden sollte - ansonsten bleibt nicht viel hängen außer Kunstblut und Margaret Qualley in Hotpants - und zum anderen, dass Laura Mulvey recht hatte und immer noch recht behält.

Als Laura Mulvey 1973 in einem Vortrag versucht, an Hollywood-Filmen ihre These vom gaze als bestimmenden männlichen Blick zu belegen, seziert sie nicht nur Strategien der vom männlichen Geschlecht dominierten Filmwelt ihrer Zeit, sondern auch Sehgewohnheiten, die männlich mit aktiv und weiblich mit passiv gleichsetzen und auf Basis von Freuds Sexualtheorie die Frau als sexuelles (eigentlich sexualisiertes) Objekt wahrnehmen. Wie traurig, dass sich diese Sehgewohnheiten bis heute durchgesetzt haben und dass das Konzept gaze scheinbar immer noch gültig ist. Kein Wunder also, dass in Once Upon a Time... in Hollywood Cliff Booth als männlichster aller Männer für Action sorgt, während Sharon Tate ins Kino und auf Playboy-Parties geht und nichtsahnend an ihrem eigentlich vorbestimmten Tod vorbeilebt.


Schuld hieran ist aber niemand allein, vielmehr ist dieser männliche Blick ein Produkt der Wechselwirksamkeit von Filmproduktion und Filmrezeption, denn: Filme spiegeln unser Leben und Gesellschaften wider, Filme üben aber auch Einfluss auf diese aus. Filme erfüllen also mindestens eine doppelte Funktion und dies scheint vielen nicht bewusst zu sein.

Vielleicht hilft dieser Blog an einigen Stellen, den gaze zu entlarven und durch Stereotype verursachte Verwirrungen aufzulösen, vor allem aber Filme hervorzuheben, die sich erfolgreich vom männlichen Blick loslösen konnten. Ja, in einer Filmwelt, die von großen Produktionsfirmen, geleitet von sexuellen Raubtieren, dominiert wird, scheint dies ein tollkühnes Unterfangen zu sein. Vielleicht macht da aber folgende Behauptung etwas Hoffnung: Sich einen Film anzuschauen, ist Genuss; sich einen Film bewusst anzuschauen, ist Arbeit - Arbeit, die anstrengend sein kann, die überfordern und viele Fragen aufwerfen kann, die aber auch lohnenswert und lehrreich und am Ende wieder Genuss ist.


Wollen wir mal hoffen. Willkommen auf Gazed and Confused.

 

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