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  • Raymond Zhang

„Porträt einer jungen Frau in Flammen“, oder: Die Erinnerung bleibt

Aktualisiert: Sept 17

Immer wieder suchen mich Bilder heim, die mich zurückwerfen in vergangene Zeiten. Unverhofft kommen diese und zeigen mir auf, dass sich Ausschnitte von früher als Erinnerungen im Herzen eingebrannt haben. Und so zeichnen sich Teile meiner Vergangenheit als Porträt, das ich stets mit mir trage, stets vor Augen habe. Ein schöner Anblick, aber auch einer voller Wehmut.


Vielleicht werde ich diese Erinnerungen ja nie los. Aber auch wenn diese sehr oft ganz schön traurig stimmen, ist es vielleicht gar nicht so schlimm. Sie sind ja Teil von mir, wozu also die Augen verschließen? Und außerdem: Als eine Art Rückbesinnung tragen sie mich immer mal wieder zurück dahin, wo ich mal war. Für einen kurzen Moment darf ich also nochmal dort sein.


Gefühle überbrücken die Zeit. Sie werden zu eigenen Geschichten. Wertvoll und einprägsam sind diese, manchmal ganz besonders die, die von Herzschmerz erzählen. Von der Erkenntnis, ein Teil seiner Selbst verloren zu haben, nachdem man sich (gemeinsam) gefunden hat. Von der Gewissheit, ein anderes Leben führen zu müssen als jenes, welches man sich zusammen gewünscht hat. Aber jo, so ist das Leben nun mal.

Auf ganz persönlicher Ebene trifft mich Céline Sciammas wunderschöner Film Porträt einer jungen Frau in Flammen genau an diesem wunden Punkt: dieses Zurückgeworfenwerden in eine prägende Zeit, in der man für den Moment lebt und alles versucht, diesen so gut es geht festzuhalten; dieses Hervorheben kleiner Details, die später die Farbgebung der Erinnerung bestimmen; dieses Wehrlossein vor der Erscheinung der geliebten Person, die wie ein Geist hinter einem spukt.


Es braucht ja nur einen kleinen Anstoß und schon wird die Erinnerung so durchlebt, als wäre alles präsent. Der Film zeigt dies auf eine einprägsame Art und Weise, indem wir zu Beginn mit Marianne unsere Blicke auf das bedeutungsschwere Gemälde richten und ab dann den ganzen Film über mit ihr die Erinnerung an die kurze Zeit mit Héloïse miterleben. Porträt einer jungen Frau in Flammen umhüllt uns dabei wie ein seidenes Tuch, welches sich über den Verlauf der Handlung immer fester zieht - so fest, dass wir am Ende gefangen sind mit Marianne und wir ihre Erinnerung zu unserer machen.


Ich auf jeden Fall werde den Anblick von Héloïse beim nächtlichen Lagerfeuer nie wieder vergessen können, genauso wenig wie die Seite 28 in ihrem Buch und Vivaldis Sommer als unerfüllte Wunschgedanken. Es sind nun Eindrücke, die sich festgesetzt haben und dann und wann hervorkommen, manchmal schemen- und geisterhaft wie eine Silhouette auf dem Treppenabsatz.


Dagegen lässt sich einfach nichts machen. So einfühlsam und intim ist der Film, dass es ganz tief stürmisch brodelt und die Gefühle mit aller Kraft ausbrechen möchten.

Nur dürfen sie dies nicht. Zumindest nicht bei Marianne und Héloïse. Nicht unter den Umständen, von denen sie geplagt werden. Hier erhebt sich Porträt einer jungen Frau in Flammen über die persönliche Ebene und veranschaulicht die schmerzliche Realität von Frauen, die in ihrem Willen und Sein eingeschränkt sind.


Céline Sciammas sensible Liebesgeschichte ist in Frankreich im Jahre 1770 angesetzt, also in einer Zeit, in der Frauen im Okzident noch wenig bis kein Selbstbestimmungsrecht hatten. Es ist eine Zeit, in der sich die Welt noch selbst entdeckt und erschließt. Eine Welt, die unter dem Deckmantel der Aufklärung Fortschritt und Rationalität postuliert, jedoch gefesselt vom Begriff der Tugendhaftigkeit ist.


Und was war tugendhaft, so sittlich vertretbar? Das wurde von den Männern der Zeit bestimmt und damit auch die Schicksale der Frauen. Ein Subjekt-Status war denkbar undenkbar. Und bald kam dann ja noch das Chaos der Revolution hinzu. Da wurden dann auch Königinnen der Unzucht beschuldigt und deswegen von Revolutionären mit dem Gedanken der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit (!) hingerichtet. (Allein die Adressierung „Witwe Capet“ sagt einiges über die Wertstellung der Frau als eigene Person aus.)


Welch ein weit verbreitetes Trauerspiel, das ja auch anno dazumal schon zumindest in bestimmten Kreisen erkannt und thematisiert wurde (Maria Magdalena von Friedrich Hebbel mag da ein passendes Beispiel sein). Portät einer jungen Frau in Flammen greift nun eine vergangene Epoche und ihre Probleme auf und präsentiert diese dem Publikum unserer Zeit. Fernab vom Kitsch anderer Epochenfilme bemächtigt sich der Film dabei eines Werkzeugs, das scheinbar gar nicht so leicht denkbar ist, nämlich das des female gaze.


Céline Sciamma erzwingt damit keine Agenda, sondern erzählt eine Geschichte, wie sie erzählt werden muss. Männliche Figuren erscheinen nur am Rande, erfüllen in wenigen Szenen marginale Funktionen, sind für die Romanze zwischen Marianne und Héloïse nicht von Bedeutung... bis auf den Umstand, dass Héloïse nach Mailand verheiratet werden soll und letztendlich auch wird. Der Mann ist also für den Moment peripher, lauert jedoch aus dem Off wie ein Schatten über den beiden.

Wo der male gaze voyeuristische Züge hat, die den bitteren Beigeschmack des unerwünschten Beobachtens mit sich bringen, bestätigt Porträt einer jungen Frau in Flammen diese Wahrnehmung und vermittelt mit dem female gaze einen gegenteiligen Eindruck. Héloïse soll porträtiert werden, weigert sich jedoch, männlichen Malern Modell zu stehen und ihren Blicken stundenlang ausgesetzt zu sein. Wie könnte sie dies auch im Lichte der drohenden Zwangsheirat? Es wäre ein Gewaltakt, der sie in einen Rahmen zwängt, der sie so darstellt, wie sie wahrgenommen werden soll - nicht wie sie will.


Dem Blick Mariannes vertraut sie hingegen. Dieser möchte sie nämlich verstehen als die Person, die sie ist und in Pinselstriche übersetzen, die ihr gerecht werden. Zentral ist hier der Dialog, als Héloïse auf den ersten Porträtversuch schaut und enttäuscht fragt, ob Marianne sie wirklich nur so sieht. Natürlich tut sie dies nicht. Sie muss sich nur erst von den Konventionen - Porträts haben ja vorgegebenen Standards zu entsprechen - befreien, aber vor allem auch von einem einschränkenden Blick auf sich selbst. Ihr hilft ein späteres Gespräch weiter, in dem Héloïse offenbart, den Blick der Künstlerin invertiert zu haben: Während die Malerin Marianne das Modell Héloïse genau anschaut und versucht zu begreifen, hat das Modell die Gelegenheit, den analysierenden Blick auf die Malerin zu richten. So versteht sie Marianne zuerst in all ihren Zügen, was nicht nur der weiteren Annäherung der beiden hilft, sondern ebenfalls dem Selbstverständnis der Künstlerin und damit auch dem Verstehen ihres Modells.


Das endgültige Porträt (nun als komplette Auffassung der Person) entsteht jedoch erst später, als Marianne aus der Erinnerung malt: eine bewölkte Mondnacht und mittig eine Frauengestalt, deren Kleid Feuer gefangen hat. Das ist nun Héloïse in diesem romantischen Gemälde, welches die Sehnsucht nach ihr sowie der vergangenen Zeit und die feine Annäherung an ihre Person wie ein dumpfer Schrei ausruft.


Am Ende bleiben aber beide stumm. Als Frauen, als Liebende. Der Film endet dennoch mit einem Ausrufezeichen: Im Konzertsaal brodeln die Gefühle zu Vivaldis „Sommer“, als Marianne aus der Distanz Héloïse, die das Stück nun zum ersten Mal hört, beobachtet. Alles kulminiert hier, der Herzschmerz ist allumfassend da. Ebenso die Erkenntnis, ein Teil vom Selbst verloren zu haben. Ebenso die Gewissheit, ein anderes Leben führen zu müssen als jenes, welches Marianne und Héloïse sich wünschen. Aber so war das Leben nun mal. Was bleibt, ist der Blick zurück, so wie Orpheus sich noch ein letztes Mal nach Eurydike umdreht.

Porträt einer jungen Frau in Flammen ist auf doppelte Weise ein Blick in die Vergangenheit. Der Film erinnert einerseits an eine Zeit, in der ein fundamentales Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern herrschte. Dass die Darstellung der Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen im 18. Jahrhundert mich dermaßen tangiert, liegt jedoch nicht an der vermeintlich aufgeklärten Perspektive unserer Zeit, sondern vielmehr an der Schockerkenntnis über Parallelen zur heutigen Gesellschaft. Vielleicht benötigt es also einen zweiten Versuch der Erhellung, sozusagen einer Aufklärung 2.0. Auf der Gefühlsebene erinnert Sciammas Film andererseits an die Schwere verlorener, nein, verweigerter Möglichkeiten und Wünsche. Erinnerungen sind demnach nicht exklusiv der Vergangenheit zugehörig, ganz im Gegenteil sind sie ein wesentlicher Teil von heute.


Über Erinnerung wird eine Brücke geschlagen zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Mit Blick auf Porträt einer jungen Frau in Flammen wäre es vielleicht endlich mal an der Zeit, diese Brücke mit bewusstem Blick zu begehen. Die Erinnerung ist ja Teil von uns, wozu also die Augen verschließen?

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